HochDruck Ausgabe 01

Alles zu spät !? (S.5)

Wieder mal zu spät. Schnell ins Zimmer stürzen, Spruch aufsagen und mal ganz artig sein. So oder so ähnlich sieht das Verhalten des durchschnittlichen Schülers aus. Doch führt dieses unüberlegte Verhal-ten selten zum Erfolg, dem Umgehen bösartiger Verleumdungen im Notizbuch des Lehrers. Deshalb will dieser Artikel über das artgerechte Verhalten gegenüber dem Homo Lehrer Sapiens in derartigen Situationen aufklären. Wenn der Schüler also in eine solche Lage gerät, ist es wichtig, zuerst die zeitlichen Umstände zu klären und das Vorgehen dementsprechend anzupassen. So ist die Aggressivität des Lehrers am Wochenbeginn am niedrigsten und steigt kontinuierlich, bis sie am Freitag ihren durchschnittlichen Höhepunkt erreicht. Extre-mes Verhalten tritt oft in der Zeit der Abiturprüfungen auf. In diesem Zeitraum wird dem Schüler von sämtlichen Reizsignalen gegenüber betroffenen Lehrern ab-geraten. Besonders friedlich verhält sich der Lehrer nach Ferien oder langen Wochenenden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die unmittelbare Verspätung (angegeben in Minuten nach Stunden-beginn). Diese läßt sich grob in drei Zeitphasen einteilen. In den ersten zwei bis fünf Minuten (der sogenann-ten A-Phase) sind die sensomotorischen Fähigkeiten des Lehrers noch nicht genügend ausgeprägt und er reagiert deshalb zurückhaltend auf den Reizgegenstand (die Verspätung). Die Länge der A-Phase ist jedoch umgekehrt proportional zur Aggressivität des Lehrers und nimmt deshalb zum Wochenende hin ab. In den nächsten 30 Minuten (B-Phase) sind Verspätun-gen zu vermeiden, da der Lehrer jetzt durch eine Störung des Unterrichts derart verwirrt wird, daß seine Reaktionen nicht genau abzuschätzen sind. In diesem Zusammenhang ist es bereits zu mehreren tragischen Unglücksfällen gekommen. Den Rest der Stunde (C-Phase) ruft das Erscheinen des Schülers beim Lehrer meist eine spontane emotionale Äußerung hervor. Durch gezieltes Manipulieren des Lehrers ist es jedoch möglich Mitleid zu erwecken und so Eintragungen und pseudowissenschaftliche Erörterungen zur Bewältigung des Schulwegs zu umgehen. Neben der zeitlichen Optimierung der Verspätung (z.B. durch ausführliches Vertretungsplan lesen) ist das richtige Verhalten bei Konfrontation mit dem Lehrer entscheidend. Hier haben sich in jahrelanger Beobachtung drei Strategien bewährt. Bereits im Kindesalter bedient sich der Schüler spon-tan der sogenannten E-Reaktion, bei der dem Lehrer mit unterwürfiger Gestik eine ausgeklügelte Entschuldigung vorgetragen wird. Die Wirkung hängt jedoch sehr von der Kreativität und dem schauspielerischen Können des Schülers ab und sollte nur von Geübten angewendet werden. Etwas einfacher ist dagegen die I-Reaktion, bei der der Lehrer einfach ignoriert wird. Dabei sollte man aber vorsichtig vorgehen. Diese Vorgehen ist nur für in der A-Phase geeignet und beruht auf der Überzeugung des Lehrers, daß der Schüler sich nicht im Besitz einer Uhr befindet. Eine neuere Entwicklung ist die A-Reaktion [Böhm 1995]. Sie läßt sich in allen Zeitphasen anwenden. Sie ist ohne besondere Vorkenntnisse von jedem Schüler ausführbar. Die sensomotorischen Fähigkeiten des Lehrers werden durch einen längeren aggressiven Vortrag (im Zusammenhang mit der Begründung des Zuspätkommens) überlastet. Zusätzlich werden Schuld-gefühle, Mitleid u.ä. beim Lehrer ausgelöst. Dem Leh-rer darf allerdings keine Möglichkeit zu irgendeiner Entgegnung gegeben werden. Der Redevorgang wird bis zur sichtlichen Verwirrung und Erschöpfung des Lehrers aufrechterhalten (ca. 3-7 min) und dann durch ein “Tut mir leid” abrupt beendet. Sehr praktisch für Anfänger sind Beschwerden über die unmögliche Verkehrslage in Dresden (evtl. Trau-mata des Lehrers ausnutzen). Bei eindeutiger politi-scher Gesinnung des Lehrers kann man zusätzlich die angeblichen Schuldigen (“faule Autofahrer”, “unreali-stische Grüne”) benennen. Wichtig ist die Wartezeit (plus/minus eine Stunde) an der Haltestelle (“kalt”,”im Regen”) anzugeben. Diese kurze Hilfe zur Selbsthilfe soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß einige (Chemie)LehrerInnen immun gegenüber äußerer Beeinflussung sind und konstant mit “Dann müssen Sie halt eher losgehen” antworten (Mehr über lapidare Lehrer erregt ranzige Brötchen)
mixa